Der direkteste Weg von Bulle nach der Montreux-Region kann nur zu Fuss begangen werden. Er verläuft parallel zum wilden Bergbach „La Trême“ genannt, um nach dem Rathevel-Pass in einer weitläufigen voralpinen Hügellandschaft zu münden. Vor dem Rathevel-Pass öffnet sich eine 5km-breite, kreisrunde und fast durchgehend bewaldete Mulde zwischen den umgebenden Voralpen. Im Zentrum dieses grossen Kessels, rundum von allen trivialen Geschäftigkeiten abgeschlossen, befand sich mein erster ritueller Feierplatz. Mit 15 war ich mit dem Zelt und zu Fuss von Bulle nach Montreux gegangen. Seither hatte ich alle Jahre zwischen Mitte Mai und Mitte Juni ein regelrechtes Bedürfnis, erneut in diese stille Landschaft einzutauchen. Mir war anfänglich die Bedeutung des Ganzen ganz und gar nicht klar, aber ich fand grossen Gefallen an diesen Besuchen und an den meditativen Momente des Eins-Seins mit dieser weitgehend unberührten Natur.  tiefe Geländemulde im Bann vom mächtigen Moléson Elf Jahre nach meinem ersten Besuch, es war im dritten Jahr nach meiner Einweihung besuchte ich einmal mehr diese naturbelassene Landschaft. Der Ritualplatz selbst - drei Baumkreise auf einer Fluh über dem Fluss - war damals kaum zugänglich. Der Weg zum Rathevel-Pass musste man vor einer Überquerung der Trême verlassen und rechts durch den weglosen Wald hinauflaufen. Nach ein Paar hundert Metern begann ein alter Prügelpfad, der durch einen märchenhaften, lichten und stark vermoosten Waldabschnitt an den Baumkreisen vorbeiführte. Diesmal hatte ich schon gleich nach dem Verlassen des Passweges das Gefühl, ich sei mir nicht sicher, richtig zu laufen. Als ich mitten im Wald stand und gar nicht mehr wusste, wo ich genau stand, musste ich auf den einzig klaren Orientierungspunkt zurückgreifen : herunter zum Fluss und zwar möglichst zum Ausgangspunkt auf dem Passweg. Mir lief kalter Schweiss herunter beim Gedanken, dass am Flussbett der Trême neben der Fluh gleich beim Ritualort, weitere bis zu 50 Meter hohe Steilhänge vorhanden sind. Unversehrt erreichte ich aber das Flussbett und zwar glücklicherweise in Nähe der Überquerung. Jetzt hatte ich wieder Orientierungspunkte. Ich sass mal auf einen grossen Stein im Bachbett ab und überlegte mir wie eigenartig es war, dass ich den so oft besuchten Pfad nicht mehr finden konnte. Ich fand Jahre später heraus, dass unser Orientierungssinn sich unter anderem auf magnetisch-reagierende Eiweiss-Verbindungen im Gehirn stützt. Diese Verbindungen richten sich nach dem Erdmagnetfeld aus. Im Bereich von Orte der Kraft gibt es häufig Verschiebungen und Verzerrungen des Erdmagnetfeldes, was die magnetischen Nädelchen im Gehirn und folglich die Orientierung kräftig durcheinander bringt.
 typischer Prügelpfad - hier in der Moorlandschaft Glaubenberg-Glaubenbühl
Während ich auf dem Stein sinnierte, zog das herrliche Naturspektakel des Bergfrühlings mehr und mehr meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich vergass mich in der Beobachtung, als plötzlich ein goldgrün-schimmernden Käfer ein eigenartiges Ballet um mich vollzog. Schliesslich landete er auf meine Hand und wollte überhaupt nicht mehr weg. Ich genoss es richtig, ihn von allen Seiten beobachten zu können, denn er machte keine Anstalten wegfliegen zu wollen. Mit der Zeit bewegte ich meine Hand ohne gross auf den Käfer zu schauen, aber er blieb immer noch. Ich schaute zum Sträuchersaum am Flussufer und wusste irgendwie muss ich durchs Dickicht, um zu den ersehnten Baumkreisen zu gelangen. Die allgemeine Richtung war mir klar, aber die Details eben weniger, bzw. es gab auf die Paar ersten hundert Meter im dichten Wald kein Orientierungspunkt. Und vor allem zuerst ginge es durchs Dickicht und da könne ich nicht noch auf einen Käfer achten. So versuchte ich mit grossen, kreisenden Armbewegungen den Käfer zum Flug zu motivieren. Nichts. Letzlich schüttelte ich die Hand kräftig. Nichts. Jetzt schlich sich die Intuition in meinen Gedanken : einerseits das zeitlich-genaue Zusammenfinden von Orientierungslosigkeit und Käfer, andererseits die Hartnäckigkeit mit welcher der Käfer auf meiner Hand bleiben wollte, das sagte mir doch - "Der goldene Käfer ist dein Führer, folge ihm". Und so befragte ich den zierlichen Kerlchen, welche Richtung ich einschlagen sollte? Es war mir wirklich, als hörte ich eine Stimme, ich entschied mich das Ungewöhnliche mal so zu akzeptieren und tatsächlich jetzt hörte ich es deutlicher : „Du musst nur gehen, ich bleib bei Dir und lotse Dich durch den Wald“. Ich sah ihn etwas ungläubig und staunend an, schaute zum nahen Wald und wusste immer noch nicht recht weiter. Der Käfer fügte dann bei “Sei einfach offen, lass Dich führen, denke nicht selbst, sondern vertraue mir.“ Irgendwie war es mir doch schleierhaft, wie der Käfer mich lotsen sollte aber die Aufforderung nicht zu denken, sondern offen zu sein, konnte ich wohl erfüllen.  îm Garten vor dem Rathevel-Pass So ging auf die Sträucher am Ufer zu. Ich bog Handgelenk und Arm so, dass der Käfer auf meiner Hand-Innenfläche vor einer Streifung mit den Blättern geschützt war und stiess in den dichten Wald. Nach einer Weile sah ich nach dem Käfer und offensichtlich vertraute er mich, wie ich ihm : er war immer noch ganz ruhig in meiner Hand. Ich tappte durch den Wald mal dort, wo ich auch von mir aus gegangen wäre, mal dort wo ich sicher nicht gegangen wäre. Darum schaute ich schon bald nicht in den Wald, sondern ganz bewusst nur noch auf meine Schritte und die Erde, damit ich die Umgebung nicht zu werten begann, resp. die Führung durch mein Denken überlagert wurde. Der Käfer blieb immer noch ganz ruhig. Nach einer Weile bemerkte ich am hell-besonnten Boden, dass der Wald wohl wieder etwas lichter war. Da hob plötzlich der goldene Käfer ab und landete auf der nächsten Tanne. Ich ging zum Baum nach meinem Führer zu sehen und dieser sagte nur so knapp : „Na und! was hälst Du davon?“ Ich sah ihn unverständlich an, da schaute ich mich um. Ganz langsam tagte es in mir – der Ort kam mir doch bekannt vor. Aber wo war ich eigentlich? Ich schaute die Farnwedeln und das Moos an, viel Moos, ja! und hier diese morschen Ästen, das war doch der Beginn des alten Prügelpfads, der am Ritualplatz vorbei führte. Ich bedankte mich ganz herzlich beim goldenen Käfer für die effiziente Hilfe, da fügte er noch an : „Merke Dir das gut! Du kannst jederzeit auf uns zählen!“ und flog in Blitzeseile aus meiner Sicht weg. Tief bewegt, betrat ich den alten, vermoosten Prügelpfad zum Ritualplaz und erlebte in den drei Baumkreisen eine besonders schöne Feier. Wie grosszügig von der Grossen Göttin! Ich hatte schon vor dem effektiven Kraftortbesuch ein Geschenk bekommen. In ähnlicher Weise haben sich im Laufe der Jahre Erfahrungen, Erlebnisse und Erklärungen angesammelt - in dieser Hinsicht bedeutet das Schamane sein, primär ein fortwährendes Lernen Schamane zu sein. |